Der Sozialismus als Gesellschaft der Selbstständigen

Der Sozialismus als Gesellschaft der Selbstständigen

Eine Überraschende Möglichkeit für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung

von Thomas Kilian

Übergänge von einer Gesellschaftsformation zur nächsten sind in der Geschichte geradezu so sehr das Übliche, dass die typischen Gesellschaftsformationen kaum mehr zu erkennen sind. Dennoch ist es pragmatisch sinnvoll, zunächst die typischen Gesellschaftsformationen hinsichtlich kennzeichnender Eigenschaften zu beschreiben, um dann die Probleme und Chancen eines Übergangs darzulegen. Deshalb soll nun zunächst Kapitalismus, Fordismus und eine utopische Gesellschaft der Selbstständigen, die möglicherweise ihren Schatten vorauswirft, hinsichtlich der typischen Einkommensbemessung beschrieben werden. Ich gehe dabei von der marxschen Lohntheorie aus, weil sie einerseits stringenter als die Bürgerliche ist, andererseits weil ich mich hier in erster Linie an Linke richte, die mit diesem Gedankengut sympathisieren. Etwas umständlicher ließe sich der Sachverhalt aber auch in den Begriffen der bürgerlichen Volkswirtschaft ausdrücken. Dabei lässt sich zeigen, dass durch die Einzelselbstständigkeit als Leitform der Erwerbsarbeit die Ausbeutung im Sinne von Marx überwunden werden kann. Im nächsten Schritt zeige ich dann, dass durch die Einzelselbstständigkeit als Leitform der Erwerbstätigkeit jene psychische Deformation durch die Lohnarbeit, die die Marxisten „Entfremdung“ zu nennen pflegen, durch eine Zunahme der Abwechslung der Tätigkeit, durch eine Zunahme der Verantwortung und durch die Zunahme von Freiheiten abnimmt. Schließlich gehe ich noch auf Probleme des Umbaus des Fordismus zur Gesellschaft der Selbstständigen ein, die sich teilweise bereits abzeichnen.

Im Hochkapitalismus des 19. Jahrhundert waren die Löhne der Arbeiter gerade so hoch, dass sie davon Leben konnten. Wie Marx jedoch zeigt, wird in der Lohnarbeit mehr produziert, als der Arbeiter zu seiner Reproduktion benötigt. Diese „mehr“ steckt der Arbeitgeber in seine eigene Tasche. Marx hatte es den Mehrwert genannt. Den Wunsch mancher Arbeiterführer, die ihn verkürzt verstanden hatten, den Mehrwert komplett an die Arbeiter auszuzahlen, wies Marx jedoch auch zurück. Denn dann würde die Lohnarbeit zusammenbrechen, weil der Arbeitgeber kein Interesse an der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit als Lohnarbeit hätten. Eine Pointe der marxschen Argumentation bestand nicht zuletzt darin, dass die Ausbeutung der Arbeiter durchaus seine Folgerichtigkeit hat und nur durch eine organisatorische Änderung der Arbeitsbeziehungen aufgehoben werden kann.

Manche Linke meinen daher, die Marsche Lohnformel gelte im Prinzip bis heute und die Steigerung der Löhne reflektiere lediglich den gestiegenen gesellschaftlichen Standard. Tatsächlich haben Sozialleistungen und gewerkschaftliche Tarifpolitik die Bedingungen der Lohnfindung nachhaltig verändert. Die Sozialleistungen reduzierten den Zwang zur Lohnarbeit und ermöglichten etwa längerandauerende Sucharbeitslosigkeit, was die Wettbewerbsposition der Lohnarbeit auf dem Arbeitsmarkt verbesserte. Die Tarifpolitik führte zu politischen Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und den Gewerkschaften. Damit ergab sich die Möglichkeit für die Ware Arbeitskraft vom Wert der Reproduktionskosten nach oben zu einem politischen Preis abzuweichen. Manche glauben politische Preise oder Monopolpreise seien willkürliche Preise. Das ist jedoch noch richtig, Monopolpreise lassen sich sogar sehr gut in mathematische Modelle packen, bei politischen Preisen lässt sich meist eine Spanne angeben. In vorliegenden Fall ist die Untergrenze die Reproduktionskosten der Arbeit, über denen der Lohn liegen muss, damit die Organisation der Arbeiter überhaupt lohnt, und die Obergrenze ist das unverkürzte Produkt der Arbeit, von dem etwas für den Arbeitgeber übrig bleiben muss.

Diese Wirtschaftsweise mit einem politischen Preis der Arbeit wird in der Literatur teilweise „Fordismus“ genannt. Dieser etwas seltsame Name hat insoweit seine Berechtigung, dass sie in der Betriebsführung von Henry Ford seinen ersten Ausdruck fand. Das innovative Leitprodukt der Zeit, das Automobil, und die effektive Produktionsweise, das Fließband, ermöglichten hohe Mehrwertraten und damit Löhne über den Reproduktionskosten, so dass die Arbeitnehmer selbst zur Quelle der hauptsächlichen Nachfrage wurden. Im politischen Sinn kann man aber auch sagen, diese Form der Gesellschaft war eine Art von Diktatur des Proletariats, weil der zugrundegelegte demokratische Rechts- und Sozialstaat eine Herrschaft der Mehrheit der Lohnabhängigen bedeutete. Marx war in seinen jungen Jahren selbst für die bürgerliche Demokratie eingetreten, hatte aber später einen radikaleren Umbau der Gesellschaft mit Abschaffung von Berufssoldaten und der Auflösung des Beamtenapperates in einer Räterepublik befürwortet. Dieses Konzept wurde jedoch nirgends verwirklicht. Auch in der Sovietunion nicht, wo Lenin 1919 nach der verfassungsgebenden Versammlung auch die Räte auflöste. Tatsache ist dass die Etablierung des Fordismus mit zwei Weltkriegen, katastrophalen Wirtschaftskrisen und zahlreichen kleinen Kriegen verbunden war. Ob diese Opfer bei einer anderen Konstituierung der Diktatur des Proletariats geringer ausgefallen wären, entzieht sich jedoch der Nachweisbarkeit.

Die Glanzzeit des Fordismus, etwa von 1950 bis 1970, währte nur kurz. Seitdem spricht man von seiner Krise. Staatsverschuldung und Finanzkrisen, geringes Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit, Handelsungleichgewichte und Währungsturbulenzen kennzeichnen seit dem Zusammenbruch des im 2. Weltkrieges etablierten Weltwirtschaftssystem Anfang der 70er Jahre die Lage. Der Fordismus ist an eine ganz Reihe innerer und äußerer Grenzen gekommen. Neben den wirtschaftlichen Krisen, greift eine politische Vertrauenskrise und eine Kompetenzkrise der Wissenschaft um sich. Daneben drohen ökologische Krisen und Ressourcenverknappung und auch die Ressource menschliche Arbeitskraft verkümmert in Motivationskrisen. Diese Phänomene sind weder vollständig, noch kann auf alle eingegangen werden. Hier soll lediglich angedeutet werden, dass die Krise des Fordismus zwar möglicherweise weniger tiefgreifend ist als die des Kapitalismus vor dem 1. Weltkrieg, auch weil trotz aller Unvernunft zumindest noch weniger chauvenistisch damit umgegangen wird, aber sie ist mindestens genauso grundsätzlich. Hier soll nun im folgenden untersucht werden, welche Auswirkungen es hat, wenn man den Weg der Emanzipation der Arbeit vom Manchesterkapitalismus zum Fordismus weiterzeichnet.

Mit einem politischen Preis der Arbeit sind die finanziellen Möglichkeiten der Besserstellung der Lohnarbeit erschöpft. Ein Teil des Mehrwertes muss ja beim Arbeitgeber bleiben, damit er bereit ist, sich auf diese Beschäftigungsform einzulassen. Die Möglichkeit eines unverkürzten Arbeitsertrages kann es nur jenseits der Lohnarbeit geben. Tatsächlich gibt es eine solche Arbeitsform bereits und sie nimmt zumindest in Städten wie Berlin ständig zu: Den Einzelselbstständigen, der über den vollen Ertrag seiner Arbeit verfügen kann. Er ist heute oft ein armer Tropf, könnte jedoch rein werttheoretisch betrachtet eine große Zukunft vor sich haben, vor allem wenn er sich vernetzt bzw. in Vereinen und Genossenschaften organisiert.

Der Gedanke ist für viele sicher ungewohnt. Er heißt auch nicht, dass alle Erwerbspersonen als Selbstständige arbeiten müssen. Er heißt lediglich, dass eine bestimmte Form des Selbstständigen, der Lohnarbeiter im Regelfall nur zur Ausbildung beschäftigt, die gesellschaftliche Leitform der Arbeit wird. Daneben kann es noch einige wenige Selbständige geben, die Lohnarbeiter beschäftigen oder – wie es früher hieß – in Dienst gehen, z.B. zur Altenpflege. Es heißt auch nicht, dass jeder nur für sich arbeitet, wie sich das manche als Idylle loben oder verwerfen. Schon heute arbeiten Selbstständige in Netzwerken, Vereinen und auch Genossenschaften zusammen. Wichtig ist, dass es sich dabei um Personenzusammenschlüsse nach dem Motte „Ein Mensch, eine Stimme“ handelt und nicht um Kapitalzusammenschlüsse, bei denen die Höhe des Anteils über den Einfluss des Einzelnen entscheidet.

Wenn man den Fordismus als reduzierte Ausbeutung und politische Macht der Lohnarbeiter als eine Variante der Diktatur des Proletariats betrachtet, dann müsste man eine solche Gesellschaft der Selbständigen als eine Sozialismusvariante betrachten. In einer solchen Sichtweise bewahrheitet sich die bereits im Fordismus gemachte Erfahrung, dass wirtschaftliche Probleme in der Wirtschaft gelöst werden müssen. Denn im Fordismus war der politische Preis in erster Linie das Werk der organisierten Arbeiter selbst, die Sozialpolitik eher eine Flankierung. Der Versuch den ökonomischen Fortschritt in der Sovietunion über die Politik und mit Gewalt zu erreichen, scheiterte noch kläglicher als die westliche Form der Diktatur des Proletariats. Ähnlich verhält es sich heute: Die Politik kann zwar Voraussetzungen für die Gründung von mehr oder weniger kooperierenden Klein- und Kleinstunternehmen schaffen, aber eine Gründerbewegung müssen die ökonomischen Subjekte selbst durchführen. Auch die Arbeiter- und die Alternativbewegung waren im übrigen von solchen Gründerbewegungen begleitet.

Die parlamentarische Demokratie ist zwar durch den Zwang, die Ausbeutung in der Lohnarbeit zu rechtfertigen und die durch die Lohnarbeit degenerierte Psyche zu bedienen, in schlechter Verfassung, sie bietet aber gleichwohl historisch einmalige Bedingungen für eine verhältnismäßig friedlichen Übergang von einer Gesellschaftsformastion zur anderen. Gleichwohl brauchen sich die heutigen nicht einbilden, dass ihre Situation grundsätzlich völlig neu sei. In der deutschen Geschichte bestand schon einmal die Möglichkeit des Durchbruchs zu einer Gesellschaft der Selbstständigen. Denn die mittelalterliche Stadt war eine Art Gesellschaft der Selbstständigen – allerdings bei bestialischer Frauenunterdrückung, wozu die Kirche gebraucht wurde. Sie war geprägt von den freien Meistern, die sich in den Zünften vernetzt hatten. Auf dem Land waren die Bauern jedoch der Aristrokratie leibeigen, nach Gottes willen, wie sei glaubten, bis Luther von der „Freiheit des Christenmenschen“ predigte. Die Bauern erhoben sich, nicht etwa um Kollektive zu gründen, vielmehr wollten sie „zünftig“ werden wie die Städter, also vernetzte Einzelunternehmer. Während die betriebssoziologischen Hintergründe meist unterbelichtet blieben, ist das Ende bekannt: Luther verdammte die Bauern und die Aristrokratie metzelte sie zu tausenden dahin.

Dieser historische Diskurs reiht die Idee der Gesellschaft der Selbstständigen zwar in die Geschichte der sozialen Kämpfe ein, gleichwohl muss sie ihre Attraktivität auch jenseits der Überlegungen zur Ausbeutung und der Tradition erweisen. Die Dominanz der Einzelselbständigen würde viele Aspekte der Gesellschaft tangieren, insbesondere wenn man mit dem alten marxschen Basis-Überbau-Theorem davon ausgeht, dass die Ausbeutung in der Ökonomie durch den Zwang sie zu schützen in Politik und Recht, Wissenschaft und Bildung und in den religiösen und areligiösen Gemeinschaften die Hierarchie verstärkt und die emanzipatorische Umgestaltung dieser Bereiche begrenzt. Das ist im konkreten ein weites Feld, das weder die marxistische Tradition ausgeschritten hat und in Verwendung der bürgerlichen Soziologie eine umfassende Kritik dieser Disziplin erfordern würde, die bisher nicht vorliegt. Doch müsste eine ausbeutungsfreie Gesellschaft, wie die Gesellschaft der Selbstständigen, egalitärer und dialogischer sein als der Fordismus.

Am sinnfälligsten werden die Vorteile einer Gesellschaft der Selbstständigen jedoch, wenn man das Individuum betrachtet. Dabei besteht freilich die Gefahr in die Karrikatur abzugleiten. Das hängt auch damit zusammen, dass in unserer Gesellschaft fast alle vom Lohnarbeitscharakter erfasst sind und eine Abgrenzung von allgemeinen menschlichen Schwächen zu den Pathologien dieser Deformation kaum mehr möglich ist. Erschwert wird die Betrachtung des Individuums in der Lohnarbeit zusätzlich dadurch, dass die Individuen je nach Schicht und Klasse, je nach Alter und Geschlecht sowie nach Lebensstil und Einstellung zu unterscheiden scheinen, so dass Gemeinsamkeiten in unserer auf Unterschiede fixierten Gesellschaft kaum zugegeben werden.

Eine Ahnung von einer menschlichen Existenz jenseits der Lohnarbeitsstruktur bekommt man fast nur noch, weil sie sich nicht automatisch durch die Lohnarbeit einstellt, sondern erst sozialisatorisch verfestigt. So kommt es, dass zwischen Lohnarbeitern der ersten Generationen, dessen Eltern Bauern oder freie Handwerker waren, und Lohnabhängigen der dritten oder vierten Generation doch gewisse Unterschiede zu vermerken sind, die eine Ahnung eines Sozialcharakters jenseits der Lohnarbeit erlauben, auch wenn fast alle Familienlinien in unserer Gesellschaft von der Lohnarbeit infiziert sind. Aber auch die hier diskutierten Aspekte können keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben sondern sind eher Impressionen, weil Theorie und Erforschung des Individuums mindestens genauso unvollkommen sind wie die der Gesellschaft.

Die marxsche Übertragung des Hegelschen Entfremdungsbegriffes auf den Lohnarbeiter geht davon aus, dass die Lohnarbeit den Menschen psychisch in einer Weise verkrüppelt, dass er selbst darunter leidet. Es gibt verschiedene Typologien, welche Pathologien bei der Lohnarbeit auftreten können. So wird bei Habermas von Sinnverlust, vom Hadern mit den Vorgesetzten, von nicht vorhandener Identifikation mit dem Betrieb, von Einzelkämpfertum, Ohnmachtsgefühlen, Desinteresse gegenüber der Realität und der Geschichte des Betrieb, Motivationskrisen und emotionalen Anfällen von Wut und Traurigkeit berichtet. Marx hat mit der Entfremdung je nach Interpretation einen oder einige Aspekte davon herausgepickt. Aber zumindest als Aspekt bleibt seine Erklärung für diese Phänomene immer noch gültig: Ausbeutung und Fremdbestimmung führen zu den benannten Pathologien. Zwar bleibt beim Einzelselbständigen immer noch eine gewisse Fremdbestimmung durch den Markt, aber mit der kann er flexibler umgehen als der Lohnarbeiter mit Vorgesetzten oder starrer Technik. Bei assymetrischen Märkten bleibt hier auch das Problem der Ausbeutung virulent. Aber in dem Sinn, in dem sich die Gesellschaft in eine Gesellschaft der Selbstständigen transformiert, entspannt sich diese Bedrohung, so dass dass Leiden an der Arbeit in der Gesellschaft der Selbstständigen zurückgehen müsste.

Ein weiterer Aspekt, den Marx an anderer Stelle anspricht, ist der der Vereinseitigung der Arbeit. LohnarbeiterInnen tun mehr oder weniger immer dasselbe, und zwar um so deutlicher, je niedriger sie in der Hierarchie stehen. Diese Vereinseitigung ist per se schon eine Verkrüppelung der menschlichen Fähigkeiten, die nach allseitiger Entwicklung verlangen. Nun wird häufig gesagt, dass diese Vereinseitigung im Arbeitsprozess notwendige Spezialisierung sei, und in der Freizeit ausgeglichen werden könne. Dazu ist anzumerken, dass empirische Arbeiten deutlich zeigen, dass die Mitglieder der Lohnarbeitsgesellschaft entgegen aller Rationalität dazu neigen, sich auch in ihrer Freizeit zu vereinseitigen, sich auf ein Hobby zu konzentrieren und praktisch dem alles andere unterordnen. Veranschaulichen kann man sich das darin, dass die Menschen dazu neigen, die Anstrengung etwas neues anzugehen meiden, und sich stattdessen daran festzubeißen, was sie am besten können. Es bedarf anscheinend eines gewissen Anstoßes, seinen Horizont zu erweitern. In der Einzelselbstständigkeit sind eine Reihe solcher Anstöße gegeben. Von den Tätigkeiten her muss nicht nur die eigentliche Produktion bewältigt werden sondern auch die Verwaltung, Kundenkontakte müssen ständig neu geschlossen werden, ebenso der Einkauf organisiert. Man muss seine Fähigkeiten pflegen und erweitern und sie eventuell an Lehrlinge und Praktikanten weitergeben. Diese Arbeiten kann er in zeitlich, sozial und sachlich größerer Freiheit als der entfremdete Lohnarbeiter durchführen.

Für den Vorgesetzten ist das Kennzeichen einer fortgeschrittenen Lohnarbeitermentalität die Unselbstständigkeit des Lohnarbeiters. Ein Lohnarbeiter im negativen Sinn braucht stete Anweisung und Kontrolle. Er verlernt das selbstständige Arbeiten und die Fähigkeit zur heuristischen Erforschung seines Arbeitsbereiches, mit der er selbst herausfinden könnte, was zu tun ist. Er denkt nicht mehr mit. Die Lohnarbeit zerstört dadurch die effektive Schaffenskraft der Arbeit und die Fähigkeit an und in der Arbeit zu lernen. Die Selbstständigkeit dagegen fordert auch die psychologische Selbstständigkeit. Der Einzelselbstständige kann gar nicht anders als für seine Arbeit und schließlich auch für sein Leben Verantwortung zu übernehmen. Dass verändert auch sein Verhältnis zu Autoriten in Politik und Recht, Wissenschaft und Bildung und Kunst und Religion. Während der Lohnarbeiter zwischen Autoritätshörigkeit und Aufmüpfigkeit schwankt, steht der selbstbewußte Selbstständige den Autoritäten frei und unbefangen, aber mit angemessenem Respekt gegenüber.

Diese Ausführungen können natürlich nur eine Ahnung vom Charakter einer Gesellschaft der Selbstständigen als einer Gemeinschaft stolzer, freier Menschen ohne unnötige Herrschaft geben. Es ist auch nicht unbedingt notwendig für sie übertrieben Werbung zu machen. Denn der Gang der Geschichte vollzieht sich sowieso. Man kann das auch an der zunehmenden Zahl der Selbstständigen in der westlichen Welt ablesen, die trotz der Widerstände sicher noch die Notwendigkeit der Kooperation erkennen werden. Wie schon Marx feststellte, besteht unsere Aufgabe eher darin, dafür zu sorgen, dass die Opfer der Entwicklung nicht zu groß werden. Daher soll nun auf einige Probleme beim Übergang vom Fordismus zur Gesellschaft der Selbstständigen aufmerksam gemacht werden. Auch hier lohnen sich sicherlich weitere Forschungen, die weitere Herausforderungen identifizieren. Gerade wer die Idee einer Gesellschaft der Selbstständigen charmant findet, darf sich der Diskussion der Risiken des Übergangs und der Gefahren von Fehlentwicklungen nicht verschließen.

Zunächst einmal muss man sich der Tatsache stellen, dass der Fordismus eine extrem zentralisierte Produktionsstruktur hat. Wie nie zuvor in der Geschichte bestimmt der Großbetrieb das Bild der Produktion. Die Wirtschaft der Einzelselbstständigen hat hingegen eine dezentrale Struktur. Hier bestimmen überschaubare Netzwerke, Vereine und Genossenschaften das Bild. Vielleicht entwickelt sich die Organisationsfähigkeit solcher dezentraler, egalitärer Muster weiter, so dass eines Tages eine erstaunliche Komplexität der Kooperation möglich ist. Aber für die Großserienproduktion von Automobilen oder Flugzeugen scheint die Gesellschaft der Selbstständigen wenig vorbereitet. Nun muss man sagen, dass diese Großserienproduktion häufig ökologisch fragwürdige Produkte hervorbringt, so dass sich mancheR eine dezentrale, ökologische Wirtschaft vorstellen kann, die ganz auf sie verzichtet. Aber bei aller Phantasie sollte wenn immer möglich eine solche Umorientierung nicht übers Knie gebrochen werden. Es kann nicht darum gehen, Großbetriebe zwangsweise zu schließen, um die Entwicklung von Einzelselbstständigkeit und entsprechenden Gesellschaftsstrukturen zu befördern, sondern es kann nur darum gehen, die kapitalistischen Großbetriebe schrittweise vom Markt zu verdrängen – auch im Gleichklang mit neu entstehenden Arbeitsplätzen. Wo man gegen die Großbetriebe politisch ansetzen sollte, ist vor allem das Kartellrecht, das bisher zu zahnlos ist. Dabei geht es weniger darum, den Großunternehmen zu schaden, sondern neben dem Schutz der Konsumenten mehr darum, die Einzelselbstständigen davor zu bewahren, Monopolisten als Kunden oder Lieferanten haben zu müssen.

Nicht nur gegenüber dem Großkapital, auch gegenüber den Lohnarbeitern, die zumindest vorerst nicht selbstständig werden wollen, ist Geduld angesagt. Wie dem einen oder anderen bereits aufgefallen sein dürfte, hat die Gesellschaft der Selbstständigen gewisse Berührungspunkte mit liberalen Utopien. Das ist nicht weiter verwunderlich, als dass die Arbeiterbewegung und der Liberalismus immer zwei zukunftszugewandte Brüder waren, im Gegensatz zu religiösen und nationalen Ideologien. So kann man Maggie Thatcher durchaus bescheinigen, dass sie auf ihre Art von einer Gesellschaft der Selbstständigen träumte. Im Gegensatz zu einem linken Konzept hat sie jedoch versucht, den Menschen die Gesellschaft der Selbstständigen einzuprügeln. Eine dagegen humane Idee des Übergangs wäre es hingegen, die Menschen zur Gesellschaft der Selbstständigen zu verführen. D.h. es kann politisch nicht darum gehen, den Lohnarbeitern die Lohnarbeit wegzunehmen, um sie in die Selbstständigkeit zu zwingen, oder auch nur ihnen die Lohnarbeit durch pauschale Lohnkürzungen und Verschlechterungen der Arbeitsverhältnisse mit demselben Ziel sauer zu machen, es gilt lediglich vom Steuer- und Sozialsystem attraktive Bedingungen für die Selbstständigkeit zu schaffen. Der größte Systemwandel in dieser Hinsicht wäre die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens, der nächst bedeutende die Bürgerversicherung. Dabei ist das bedingungslose Grundeinkommen, so vorteilhaft es für den Aufbau einer Selbstständigkeit ist,  auch ideologisch schwer durchzusetzen, weil es quer zum durch Sklaverei, Leibeigenschaft und Lohnarbeit fundierten Arbeits- und Ausbeutungszwang in der westlichen Welt steht.

Das Bedingungslose Grundeinkommen ist aufgrund der ideologischen Blockaden auch kein Selbstläufer, für den sich die Menschen sowieso engagieren. Es ist vielmehr die zeitgemäße Form für die strategische Frage nach dem Ende des Ausbeutungszwangs, vor der die Menschheit wie gesagt schon einmal in den Bauernkriegen und auch bei der Diskussion über die Abschaffung der Sklaverei in der Antike durch sämtliche Philosophien, die durch einen mystischen Christenglauben verdrängt wurden, so dass es mit der Leibeigenschaft nur zu einer Sklaverei light kam.

Sklaverei, Leibeigenschaft und Lohnarbeit haben den literarischen Zeugnissen nach ähnliche Auswirkungen auf die Psyche des Ausgebeuteten. In der Gesamtschau ist daher die Abschaffung des Ausbeutungszwanges eine Frage von welthistorischem Rang wie sonst vielleicht nur die Frage der Frauenemanzipation, der Ökologie und von Krieg und Frieden. Während der geschichtsbewußte politische Akteur sich solchen strategischen Fragen zuwenden sollte, kann man viele Allerweltsfragen ihrem Selbstlauf überlassen. Sie werden sich nach der Lösung der strategischen Fragen mit ein wenig Mühe und Geduld wie von selbst umwälzen.

Die Frage von Krieg und Frieden ist fast vergessen. Doch wenn die Theorie richtig ist, dass ökonomische Verwerfungen die Ursache für Kriege sind, droht langfristig ein militärischer Konflikt der westlichen Welt mit China. Denn China wird im Moment und auf absehbare Zeit in dreifacher Weise vom Westen ausgebeutet. Zum einen ist Chinas in einer präfordistischen Wirtschaftsphase, d.h. die Löhne überschreiten kaum das Reproduktionsniveau, wovon der Westen durch niedrige Preise für chinesische Güter profitiert, was sogar an Bedeutung gewinnen könnte, wenn das Ausbeutungsniveau im Westen zurückgeht. Zum anderen verdienen westliche Firmen an ihren Investments in China, indem sie die billige chinesische Arbeitskraft anwenden. Und schließlich profitieren die westlichen Nationen auf dem Finanzmarkt, indem China größter Schuldner des Westens ist und ohne die chinesischen Kredite wäre das Schuldenmanagement der USA längst zusammengebrochen. Es fragt sich, wann ein bevölkerungsreiches Land wie China den politischen Preis für diese ökonomischen Zuzahlgeschäfte verlangt.

Der Westen hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Die Zerschlagung Chinas oder einen Ausgleich der wirtschaftlichen Schieflage durch die Förderung der Entwicklung der Arbeitsbeziehungen auf mindestens fordistisches Niveau in China. Letzteres würde bei der Unterstützung der chinesischen Opposition bedeuten, dass man vor allem mit den Führern der Lohnarbeiter, kleinen Selbstständigen und Bauern zusammenarbeitet. Dass man stattdessen vor allem mit Kulturkritikern, Demokratieromantikern und Nationalisten kooperiert, legt den Verdacht nahe, dass man bereit ist, die Zerschlagung Chinas, die Millionen von Toten bedeuten würde, zumindest in Kauf zu nehmen.

Gegenüber den Schwellenländern ist der Westen in einer ähnlichen Stellung wie die mittelalterliche Stadt gegenüber dem feudalen Land. Ein Stück weit lebt das Zentrum von der stärker ausgebeuteten Arbeitskraft in der Peripherie. Teile der Peripherie, vor allem in Afrika, sind jedoch ökonomisch so unbedeutend, dass aus der Sicht des Westens kein nennenswerter Werttransfer stattfindet. Hier ist die Nachfrage nach Lohnarbeitern teilweise so gering, dass im Gegensatz zu China, Indien oder Brasilien an einen Übergang in eine fordistische Wirtschaftsweise gar nicht zu denken ist. Hier finden aber gerade Diskussionen statt, ob beim Aufbau eines Sozialsystems die fordistische Struktur  nicht übergangen werden kann und gleich zu einem bedingungslosen Grundeinkommen übergegangen werden soll, weil sein unbürokratischer Zuschnitt sich für die schlecht aufgestellten Verwaltungen schwacher Staaten eignet und es gut mit der häufig betriebenen informellen Wirtschaftsweise kompatibel ist. Außerdem könnte diese Maßnahme zur Pazifizierung Afrikas beitragen, wo vielerorts beträchtliche Konflikte um knappe Ressourcen drohen.

Wenn es um die Organisation der Arbeit geht, sind die Hirne der Menschen manchmal wie vernebelt. Es ist zunächst einmal in der westlichen Welt selbstverständlich, dass man eine Lohnarbeit anstrebt. Sich selbstständig zu machen, davor schrecken die noch immer manche zurück, teils wegen der realen Gefahr, Geld zu verlieren, teils aus irrationalen Ängsten. Bei manchem kommen noch ideologische Vorbehalte dazu, weil sie sich der abhängig arbeitenden Bevölkerung verbunden fühlen. Genutzt haben diese Vorbehalte in der Vergangenheit denen, die sich getraut haben Selbstständig zu werden. Denn sie blieben wenige. So wenige, dass sie andere für sich arbeiten lassen konnten und dadurch nicht nur ihren unverkürzten Lohn sondern auch einen Mehrwert einstreichen konnten.

Ausgewirkt haben sich diese Vorurteile auch auf die gesellschaftliche Phantasie der Linken. Die Selbstständigen waren sowas wie der Klassenfeind. Beim Selbstständigen dachte man an den Unternehmer mit hunderten Beschäftigten, nicht jedoch an den Einzelunternehmer oder den Meister mit einem Lehrling und eventuell einem Gesellen. Der Gedanke, dass Selbstständige einen positiven Betrag zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen könnten, kam so nicht auf. Solche Vorbehalte kann ein Aufsatz kaum überwinden, aber ich hoffe schon seit zwei Jahrzehnten vergebens auf eine Debatte, wie der nächste gesellschaftliche Schritt denn vielleicht aussehen könnte. Der Vorschlag der Gesellschaft der Selbstständigen überraschte mich zwar selbst als er mir bei meinen Forschungen zur Kritik der Systemtheorie zustieß, er mag sogar manchem verdreht vorkommen, aber er ist der konkreteste und machbarste Vorschlag einer Sozialismusvariante, der mir überhaupt bekannt ist. In diesem Sinne ist er sicher eine Diskussion wert.

 

 

 

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