Vor dem JobCenter sind alle gleich

von Werner Schulten

Anders als die oft nur auf einem Auge blinde Justitia macht die Bundesagentur in der Behandlung ihrer „Kunden“ ebenso wie bei unsinnigen Umschulungsmaßnahmen keine Unterschiede, wie der folgende Brief eines mir bekannten 50jährigen Politikwissenschaftlers mit Doktortitel zeigt. Er zeigt aber auch, dass von Hartz IV nicht nur „bildungsferne Schichten“ betroffen sind, wie die Medien in ihren Diffamierungskampagnen uns immer wieder weismachen wollen.

„Hallo Werner,

ich möchte dir einmal etwas beschreiben, was mir am vergangenen Freitag in meinem derzeit häufigsten Aufenthaltsort, dem Jobcenter in der Müllerstraße (Anm.: Das Team für Akademische Berufe des Jobcenters Berlin-Mitte sitzt nicht in der Sickingenstraße), weil mein „Kundenberater“ mich wohl „so gern sehen“ will, passiert ist:

Ich hatte an diesem Tag, an dem um Punkt 12 Uhr mittags eigentlich geschlossen wird, also genau zu diesem Zeitpunkt, einen Termin beim „Kundenberater“ – wir Arbeitslosen sind ja bei der ARGE als „Kunden“ eingetragen.
Ich trat pünktlich um 12 in das Haus und sofort baut sich ein – offenbar übereifriger – Pförtner vor mir auf und wollte mich nicht hinein lassen.
Er sagte: „Sie kommen hier nicht rein, wir schließen!“.
Ich entgegnete (noch freundlich), „Ich habe aber einen Termin bei Herrn ‘Müllermeierschmidt‘ (Name geändert).“
Er wieder (etwas lauter): „Das interessiert mich doch nicht, Sie gehen raus, ich lasse Sie nicht hier rein.“
Ich (auch etwas lauter): „Das sollte Sie interessieren, ich habe einen Termin und den muss und will ich wahrnehmen.“
Er (im „schönen deutschen Reichs-Kasernenhofton“): „Sie gehen jetzt raus!!“
Ich dann: „Das werden wir mal sehen!! Ich habe einen Termin, den muss und werde ich jetzt wahrnehmen.“
Dann wurde dieser übereifrige Mensch abgelenkt von jemandem an der inzwischen verschlossenen Eingangstür und ich schlüpfte einfach an ihm vorbei.
So, und das schilderte ich meinem „Kundenberater“ und der sagte lapidar, „Na, Sie sind doch auch später als zu unserem verabredeten Termin hier. Es ist nach 12 Uhr und der Pförtner ist somit im Recht.“
Na toll, ich entgegnete: „Wenn er mich nicht 5 Minuten und/oder mehr aufgehalten hätte, dann wäre ich um Punkt 12 hier gewesen.“
Er wieder: „Wissen Sie was? Gehen Sie in die dritte Etage und schreien sie dort ihren Ärger heraus. Dann geht es Ihnen vielleicht besser. Sie können sich ja darüber beschweren bei der Gruppenleitung.“ Er schilderte mir den anschließenden bürokratischen Weg dessen.

Es kommt aber „noch besser“, denn der Grund für meine häufigen Termine bei der ARGE ist folgender: Da ich mich inzwischen fünf Jahre erfolglos bewerbe, wolle und müsse die ARGE nun den Druck erhöhen, so der „Kundenberater“. Da es in meinem Bereich (ich habe abgeschlossene Studien in Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften mit anschließend abgeschlossener Promotion – einschließlich eigener Fußnotensetzung), nichts gäbe für mich, müsse ich mich umschulen lassen. Der einzige Beruf dafür wäre im Buchhaltungsbereich. Toll, dachte ich so bei mir, da bin ich dann „Dr. Buchhalter“, aber wenigstens auch nicht mehr „Dr. Sozialschmarotzer“.
Falls ich diesbezüglich andere Vorschläge hätte, dann könne ich diese selbstverständlich einbringen, so mein „Kundenberater“, aber ich müsse eben dafür sorgen, dass ich einen Arbeitsplatz bekäme, damit eine Umschulung gefördert werden könne.
Noch Fragen?

Viele Grüße“

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